Verlernen wir Freiheit?

Die Deutsche Einheit ist seit mehr als drei Jahrzehnten eng verbunden mit dem Begriff Freiheit. Sie wurde erkämpft durch friedlichen Protest. Doch sie ist keine Eigenschaft die es nur zu verteidigen gilt. Vielmehr ist sie eine Fähigkeit, die es zu erlernen und zu bewahren gilt. Nutzen wir den Tag und beleuchten die Gefahren der Freiheit aus politischer, gesellschaftlicher und technischer Sicht.

Genommene Freiheit

Die genommene Freiheit ist wahrscheinlich für alle die greifbarste Gefahr. Jemand schränkt konkret den Handlungsspielraum ein. Ein Gesetz verbietet etwas, eine Behörde macht Vorgaben oder ein technisches System entscheidet. Freiheit verschwindet dabei selten mit einem großen Knall. Häufig wird sie ein kleines Stück kleiner.

Im digitalen Alltag

Technik kann unsere Möglichkeiten einschränken, ohne dass dafür überhaupt ein neues Gesetz nötig ist. Das Bus-Ticket braucht jetzt einer App. Der gehypte Social Media Post verlangt ein Benutzerkonto. Dein Lieblingsspiel funktioniert nur, solange der Hersteller seine Server betreibt.

Das ist nicht grundsätzlich schlecht. Digitale Technik macht vieles einfacher. Aber es verändert die Frage, wer eigentlich darüber entscheidet, was wir tun können. Bei einem gedruckten Buch entscheidet nicht der Hersteller, ob wir es morgen noch lesen dürfen. Bei einem digitalen Dienst kann unser Zugang dagegen jederzeit von einem Anbieter abhängen.

Je mehr Bereiche unseres Lebens digital funktionieren, desto wichtiger wird deshalb die Frage: Haben wir noch genug andere Wege?

Im Miteinander

Niemand schreibt uns vor, ständig erreichbar oder auffindbar zu sein. Trotzdem können daraus soziale Erwartungen entstehen. Warum antwortest du nicht? Warum hast du deinen Standort ausgeschaltet? Warum bist du nicht auf Plattform XY?

Sehr deutlich wird das beim Thema Überwachung. „Wenn du nichts zu verbergen hast, hast du doch auch nichts zu befürchten“. Ein Perspektivwechsel wird bewusst genutzt: Der Überwacher muss sich nicht mehr erklären. Der überwachte muss sich plötzlich rechtfertigen.

Im Staat

Am deutlichsten wird die Spannung zwischen Freiheit und Einschränkung in der Politik. Gerade in Verbindung mit den Erwartungen die wir Menschen haben. Also dass wir uns ohne Angst um unsere körperliche Unversehrtheit bewegen können. Oder dass wir davon ausgehen können, bei unerwarteten Schicksalsschlägen durch die Gemeinschaft getragen werden und zum Arzt gehen können. Und vieles mehr.

Videoüberwachung ist dafür ein gutes Beispiel. Natürlich wollen wir sichere öffentliche Räume. Die Frage ist deshalb nicht, ob wir Sicherheit wollen, sondern welche Mittel wir dafür einsetzen und wo wir bewusst Grenzen ziehen. Denn Freiheit ist hier der ganz bewusste verzicht auf Kontrolle

Abgegebene Freiheit

Bei der abgegebenen Freiheit wird es etwas schwieriger. Denn hier gibt es keinen offensichtlichen Gegner. Niemand zwingt uns dazu, unsere Entscheidungen abzugeben. Wir tun es freiwillig und oft unbewusst. Weil es einfacher, bequemer oder sicherer ist.

Wir tauschen bereitwillig Verantwortung gegen Komfort. Oft selbst im Wissen, dass wir damit das Risiko eingehen, zukünftige Einschränkung der Freiheit zu ermöglichen.

Im digitalen Alltag

Das Smartphone merkt sich wo man parkt, der Streamingdienst kennt unseren Geschmack und die KI schreibt die E-Mail. Wir müssen immer weniger selbst wissen, suchen oder entscheiden.

Auch eine Kinder-Smartwatch ist ein gutes Beispiel: Eltern können jederzeit sehen, wo ihr Kind ist und es erreichen. Das gibt den Eltern Sicherheit. Gleichzeitig nimmt es Kindern die Möglichkeit, sich Schritt für Schritt selbstständig in ihrer Umgebung zu bewegen. Absprachen, Orientierung und der eigenverantwortliche Umgang mit kleinen Unsicherheiten werden durch ständige Erreichbarkeit ein Stück weit überflüssig.

Das Problem ist dabei nicht die einzelne Technik. Die Frage ist, was passiert, wenn wir Fähigkeiten dauerhaft an Technik abgeben.

Was wir nicht mehr selbst tun müssen, müssen wir irgendwann auch nicht mehr können.

Im Miteinander

Auch untereinander geben wir Freiheit ab. Wir lassen andere für uns entscheiden, was wir sehen, hören und lesen. Empfehlungen auf Social Media, Streamingdiensten oder Onlineshops nehmen uns die lästige Suche ab. Das ist bequem und die hat einen Preis: Wir begegnen nur noch dem, was ohnehin zu uns passen soll.

Freiheit ist aber auch das unerwartete. Auf Dinge zu stoßen, die wir nicht gesucht haben. Eine andere Meinung. Eine andere Musik. Einen Gedanken, der uns vielleicht sogar stört aber anregt nachzudenken.

Im Staat

Die Verantwortung politisch abzugeben ist natürlich immer besonders groß. Jedes Problem Schreit nach einer neuen Verwaltungsvorschrift, einem Gesetz oder einer Behörde, die sich darum kümmern soll.

Jede Gesellschaft braucht Regeln. Aber ein Risiko lässt sich nicht wegregulieren. Und nicht jede schwierige Entscheidung sollte uns abgenommen werden, denn Freiheit bedeutet mit Unsicherheiten zu leben und Verantwortung zu tragen.

Das ist die wunderbar nervige Seite der Freiheit: Niemand nimmt uns Entscheidungen ab.

Unbequeme Freiheit

Selbst zu entscheiden kostet Zeit. Sich zu informieren kostet Mühe. Unterschiedliche Meinungen auszuhalten ist anstrengend. Und daher tauschen wir nur allzugerne Freiheit gegen Bequemlichkeit.

Im digitalen Alltag

Vor Kurzem bedeutete Internetsuche noch mehrere Ergebnisse anschauen, Quellen vergleichen und sich selbst eine Meinung bilden. Heute antwortet die KI sehr resolut mit genau einer Antwort. Praktisch. Aber was war was hat das für Auswirkungen auf die Entscheidung?

Selbst zu recherchieren bedeutet, unterschiedliche Informationen auszuhalten und sich ein eigenes Urteil zu bilden. Dabei auch die Quellen zu kennen. Die bequemere Lösung nimmt uns diese Arbeit ab.

Im Miteinander

Freiheit endet bekanntlich dort wo eine andere Freiheit beginnt. Mit anderen Menschen klarkommen müssen ist also eine ganz besondere Freiheitserfahrung: Sie ist anstrengend. Eine Diskussion kann unangenehm werden. Ein Kompromiss bedeutet nicht, alles zu bekommen. Und manchmal müssen wir eine Meinung aushalten, die wir überhaupt nicht teilen.

Es ist einfacher, den anderen doch reden zu lassen, einen Account zu blockieren oder sich nur noch mit Gleichgesinnten zu umgeben.

Das kann im Kleinen angenehm sein. Auf Dauer wird die eigene Welt dadurch aber immer kleiner.

Im Staat

Auch politisch ist diese Bequemlichkeit verführerisch.

Selbst informieren, Positionen verstehen und über Zusammenhänge nachdenken. Das alles ist schwer und müßig. Eine Demokratie lebt von Menschen, die sich selbst ein Urteil bilden können. Freiheit bedeutet dabei nicht, alles selbst zu machen. Sie bedeutet aber, es selbst machen zu können, wenn man es will.

Freiheit muss man können

Die Freiheit, die wir heute genießen, ist keine Selbstverständlichkeit. Sie wurde erkämpft, verteidigt und immer wieder neu ausgehandelt. Aber sie kann auch still und leise verloren gehen.

Wir brauchen deshalb nicht nur Gesetze, die Freiheit garantieren. Wir brauchen Menschen die mit Freiheit umgehen können. Menschen, die Verantwortung übernehmen, Unsicherheiten aushalten, andere Meinungen ertragen und nicht jede Entscheidung an eine App, einen Algorithmus oder eine Behörde abgeben.

Das ist die Aufgabe: Freiheit nicht nur bewahren, sondern sie immer wieder benutzen.

Wer nie selbst entscheidet, verlernt wie es geht.

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