Zukunft sind wir – aber was sollen wir eigentlich aushalten?
Beim Frankfurter Stiftungsdialog ging es um Widerstandsfähigkeit, Zukunftsoptimismus und gesellschaftliches Engagement. Ein Nachmittag voller Anregungen – der für mich auch die Frage aufwarf, wann Resilienz zur Aufforderung wird, schwierige Verhältnisse einfach länger auszuhalten.
Eine pünktliche Bahn, bezahlbare Mieten, eine autofreie Stadt – und die Eintracht als deutscher Meister. Auf den Tafeln eines Workshops beim Frankfurter Stiftungsdialog standen unterschiedliche Zukunftswünsche nebeneinander. Der Meistertitel sorgte für viele Lacher. Die anderen Wünsche zeigten, wie konkret die Frage nach einer guten Zukunft für Frankfurt ist.
Am 20. Oktober 2026 habe ich den Stiftungsdialog in der IHK Frankfurt besucht. Unter dem Motto „Resilient in die Zukunft: Wie gestaltet Zivilgesellschaft Krise?“ kamen persönliche Erfahrungen, gesellschaftliche Fragen und praktische Ideen zusammen.
Resilienz braucht mehr als Optimismus
Schon zum Einstieg war Mitmachen gefragt. Bei einem Warm-up suchten wir uns ein Gegenüber und assoziierten abwechselnd Wörter zu den Begriffen des anderen. Zuhören, spontan reagieren und sich auf fremde Gedanken einlassen: Der Nachmittag begann im direkten Austausch.
Im Impulsvortrag von Dr. Josefa Kny ging es anschließend um Ressourcen, die Menschen und Organisationen durch Krisen tragen können: Werte und Sinn, soziale Bindungen, Führung und Struktur, Antizipation sowie materielle Ressourcen. Angesprochen wurde auch, wie persönliche Resilienz zu gesellschaftlicher Widerstandsfähigkeit beitragen kann.
Ein zentraler Gedanke war der „Bounce forward“: Nach einer Krise nicht bloß zum vorherigen Zustand zurückkehren, sondern neue Perspektiven entwickeln und Veränderungen ermöglichen.
Diesen positiven Blick fand ich anregend. Gleichzeitig wurde mir Resilienz insgesamt etwas zu rosig beschrieben. Wenn wir immer häufiger darüber sprechen, wie Menschen widerstandsfähiger werden können, sagt das schließlich auch etwas über die Belastungen aus, denen sie ausgesetzt sind.
Ich verbinde mit dem Begriff deshalb auch Einsparungen, Entlassungen und die Erwartung, trotz wachsender Unsicherheit weiter zu funktionieren. Dann bekommt Resilienz einen anderen Klang: durchhalten, sich anpassen, irgendwie weitermachen.
Für mich blieb deshalb eine Frage offen: Wie viel Kraft verwenden wir darauf, Menschen für schwierige Verhältnisse zu stärken – und wie viel darauf, diese Verhältnisse zu verändern?
Gerade die im Vortrag genannten materiellen Ressourcen sind dabei entscheidend. Wer finanzielle Sicherheit, Zeit und Unterstützung hat, verfügt über andere Handlungsmöglichkeiten als jemand, der schon im Alltag an seine Grenzen stößt. Persönliche Widerstandsfähigkeit kann gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken. Sie ersetzt aber weder soziale Absicherung noch verlässliche öffentliche Angebote.
Neugierig bleiben – und auch mal zum Ziel hüpfen
Im Workshop „Stärkung der eigenen Zukunftsmentalität – aber wie?“ mit Michael Pachmajer wurde es praktisch. An vier Tafelpaaren mit unterschiedlichen Überschriften sammelten die Teilnehmenden ihre Gedanken.
Unter Optimismus fanden sich die Wünsche nach zuverlässigem Nahverkehr, bezahlbarem Wohnen und einer autofreien Stadt. Und natürlich die Hoffnung auf die Eintracht. Die Beiträge waren kein beschlossenes politisches Programm, berührten aber zentrale Fragen unseres Zusammenlebens: Wie bewegen wir uns durch Frankfurt? Wer kann es sich leisten, hier zu wohnen? Wie wollen wir den öffentlichen Raum nutzen?
Daneben ging es darum, sich etwas von der Neugier von Kindern zu bewahren: viele Fragen stellen, Neues ausprobieren und Menschen möglichst vorurteilsfrei begegnen. Sich auf Unbekanntes einzulassen, ohne sofort alle Gründe aufzuzählen, die dagegensprechen.
Unter der Überschrift „Lifehack“ wurden kleine Anregungen gesammelt, um Routinen zu durchbrechen. Unbekannte Menschen zum Essen einladen etwa. Mit den Öffis eine Station früher oder später aussteigen. Oder einfach einmal zum Ziel hüpfen.
Solche Ideen lösen keine Wohnungskrise. Sie können aber helfen, die eigene Umgebung bewusster wahrzunehmen und wieder offener auf andere zuzugehen. Gerade diese spielerische Seite machte den Workshop für mich anschaulich.
Zum Thema Empathie bekamen wir eine Hausaufgabe: drei Kreise zeichnen und Menschen entsprechend ihrer Nähe zu uns eintragen. Die engsten Freunde in den ersten, weitere nahestehende Menschen in den zweiten Kreis. Anschließend sollten wir uns fragen: Wissen wir eigentlich, wie es diesen Menschen gerade wirklich geht?
Junge Menschen an der Zukunft beteiligen
Nach den Workshops moderierte Oberbürgermeister Mike Josef eine Podiumsrunde mit fünf Jugendlichen. Besonders angesprochen hat mich die Idee, nach Offenbacher Vorbild ein Kinder- und Jugendparlament in Frankfurt zu haben.
Dahinter steht für mich ein Anliegen, das gut zu einer piratischen Perspektive passt: Junge Menschen sollten ihre Stadt verbindlich mitgestalten können. Bei Schulwegen, Freizeitangeboten, öffentlichen Räumen und Mobilität bringen sie Erfahrungen ein, die in politischen Entscheidungen berücksichtigt werden müssen.
Entscheidend ist, wie solche Beteiligung ausgestaltet wird. Welche Rechte hat ein Gremium? Was passiert mit seinen Vorschlägen? Wer muss darauf reagieren? Beteiligung wird glaubwürdig, wenn nachvollziehbar ist, wo sie etwas bewirkt. Digitale Angebote können den Zugang erleichtern und persönliche wie analoge Beteiligungsmöglichkeiten ergänzen.
Auch die Bedeutung ehrenamtlichen Engagements wurde in der Runde hervorgehoben. Es trägt Vereine, Initiativen und viele Begegnungsorte unserer Stadt. Wer dieses Engagement stärken will, muss gute Bedingungen schaffen: zugängliche Räume, verständliche Verfahren und verlässliche Unterstützung. Ehrenamt darf dabei nicht zum Lückenfüller für immer weiter gekürzte öffentliche Leistungen werden.
Persönliche Stärke und gemeinsame Verantwortung
In der anschließenden Rückschau wurden die Ergebnisse der fünf Workshops zusammengetragen. In meinen Notizen stehen dazu: Zukunft sind wir, Sport als Booster für Resilienz, die eigene Rolle im Team erkennen, Strategie als gesteuerte Krise und mentale Gesundheit. Die Stichpunkte zeigten, wie unterschiedlich die Zugänge zum Thema waren.
Den Abschluss gestaltete der Paralympionik Moritz Brückner mit einem persönlichen Blick auf Resilienz. Seit einem Surfunfall in Chile im Jahr 2019 lebt er mit einer Querschnittlähmung. Während seiner Rehabilitation entdeckte er Rollstuhlrugby; 2024 nahm er mit der deutschen Nationalmannschaft an den Paralympics in Paris teil.
Seine Geschichte gab dem Gedanken des „Bounce forward“ eine konkrete Dimension: Wenn eine Rückkehr zum früheren Leben nicht möglich ist, können neue Wege entstehen. Zugleich betont Brückner auch in öffentlichen Beiträgen, wie wichtig Familie, Freunde und professionelle Unterstützung für seinen Weg waren. Persönliche Stärke wächst auch durch Beziehungen und Bedingungen, die Menschen tragen.
Für mich bleiben nach dem Stiftungsdialog deshalb zwei Aufgaben, die zusammengehören: offen für Neues bleiben und die gesellschaftlichen Ursachen von Belastungen in den Blick nehmen. Wir können neugieriger werden, einander zuhören und häufiger fragen, wie es den Menschen um uns herum geht. Zugleich müssen wir politisch dafür sorgen, dass Wohnen bezahlbar bleibt, Mobilität zugänglich ist und Mitbestimmung tatsächlich etwas bewirkt.
Zukunft sind wir. Eine gute Zukunft zeigt sich auch daran, dass Menschen weniger Kraft dafür aufbringen müssen, ihren Alltag überhaupt durchzustehen.

