IGS-Kürzungen in Hessen: Wer bei Bildung spart, zahlt die Rechnung später – und nicht alle gleich
Stell dir vor, du bist Lehrerin an einer Integrierten Gesamtschule (IGS) in Hessen. In deiner Klasse sitzen dreißig Kinder – manche mit Gymnasialempfehlung, manche mit großem Förderbedarf, manche, die erst seit zwei Jahren Deutsch sprechen. Bisher hattest du eine Kollegin, die dir dabei hilft. Ab dem nächsten Schuljahr bist du allein.
Genau das plant die hessische Landesregierung gerade: Kultusminister Armin Schwarz (CDU) will die Fördergelder für Binnendifferenzierung an Integrierten Gesamtschulen streichen – also das Geld, das für Team-Teaching, individuelle Lernbegleitung und Förderangebote genutzt wird. Das betrifft rund 300 Stellen an 105 integrierten Gesamtschulen in Hessen. Dazu kommen 23 Millionen Euro weniger für Schulen in sozialen Brennpunkten und 40 Millionen Euro weniger für Integrationsklassen.
70 Millionen Euro insgesamt. An Bildung gespart.
Wen diese Kürzungen an Hessens Gesamtschulen wirklich treffen
Nicht alle Kinder haben zu Hause jemanden, der beim Lernen hilft. Nicht alle Familien können Nachhilfe bezahlen. Für viele Schülerinnen und Schüler ist die Schule der einzige Ort, an dem Förderung überhaupt stattfindet.
Diese Kinder verlieren jetzt ihre Unterstützung – damit der Landeshaushalt eine Zeile weniger hat.
Die GEW Hessen bringt es auf den Punkt: „Wie das Kultusministerium gerade jetzt auf die Idee kommt, an den integrierten Gesamtschulen zu sparen, ist für mich nicht nachvollziehbar.“ Mehr als 13.000 Menschen haben bereits eine Petition dagegen unterzeichnet. Auch der Elternbund Hessen kritisiert: Die Entscheidung treffe die Schülerinnen und Schüler dort besonders hart, wo sie am stärksten auf Unterstützung angewiesen sind.
Das ist nicht Sparsamkeit. Das ist eine Entscheidung darüber, wessen Kinder welche Chancen bekommen dürfen.
Der Koalitionskrach dahinter
Was die Sache noch bizarrer macht: Selbst innerhalb der Regierung glaubt offenbar niemand so richtig an diese Kürzung. SPD-Wirtschaftsminister Mansoori will 1,5 Millionen Euro aus seinem eigenen Ressort rüberrücken, damit sein Koalitionspartner die Streichung nicht umsetzt. Zwölf SPD-Landräte und Oberbürgermeister haben in einem offenen Brief öffentlich widersprochen – mitten im Kommunalwahlkampf, gegen die eigene Regierung.
Wenn eine Koalition ihre eigenen Beschlüsse mit internen Notlösungen bekämpft, hat sie das Vertrauen in die eigene Politik schon verloren. Was fehlt, ist kein Geld. Es ist der Wille, Prioritäten offen zu diskutieren.
Was mich daran wirklich stört
Ein Euro, der heute bei der Förderung eines Kindes eingespart wird, verschwindet nicht. Er taucht später wieder auf – als höherer Sozialaufwand, als verpasste Lebenschancen, als gesellschaftliche Kosten, die andere tragen. Die Kinder, die heute keine Unterstützung bekommen, haben keine Lobby. Sie können keinen offenen Brief schreiben. Sie wählen noch nicht.
News4teachers fasst es treffend zusammen: „Sparen bei Armen.“ Genau das ist es. Und genau das ist das eigentliche Problem: Der Staat verschiebt Kosten auf die, die sich am wenigsten wehren können.
Was ich mir wünsche
Keine Partei hat ein Monopol auf gute Schulpolitik. Aber eine Landesregierung, die 70 Millionen Euro ausgerechnet dort kürzt, wo Kinder auf Unterstützung angewiesen sind, sollte das ehrlich begründen – und nicht hoffen, dass es im Wahlkampflärm untergeht.
Hessen braucht kein Sparprogramm auf dem Rücken der Schwächsten. Es braucht eine offene Debatte darüber, was uns Bildungsgerechtigkeit wert ist – und wer am Ende die Rechnung zahlt, wenn wir dabei geizen.
Was du jetzt tun kannst
Die Kommunalwahl in Hessen findet am 15. März 2026 statt. Wer in der Schule, in der Kita, im Stadtparlament etwas bewegen will, muss jetzt handeln – und wählen gehen. Kommunalpolitik entscheidet darüber, wie Kinder in dieser Gesellschaft aufwachsen.
Wenn du möchtest, dass Bildungsgerechtigkeit kein Wahlkampfslogan bleibt, komm zu uns: piratenpartei-hessen.de
Sebastian Alscher ist Landesvorsitzender der Piratenpartei Hessen.

