
Offener Brief - Veröffentlicht am 24. Juli 2010
Sehr geehrte Frau Dr. Merk,
mit großem Unverständnis haben wir Ihre Meinung zu den Vorkommnissen in dem Feriencamp auf der Insel Ameland aufgenommen. Es ist zu hoffen, dass an Ihren Aussagen das Sommerloch Schuld ist.
Was in dem Feriencamp passiert ist, hat nichts mit dem Internet oder mit so genannten "Killerspielen" zu tun. Hier haben Jugendliche sich ohne Rücksicht und Mitgefühl über das Recht auf körperliche Unversehrtheit anderer Jugendlicher hinweggesetzt. Dies ist, und das möchten wir nachdrücklich betonen, ein Gewaltverbrechen! Es ist unter Experten verbreitet, dass solche Vorkommnisse eine Demonstration von Macht sind, oft durch die eigene Unsicherheit motiviert. Eine Internet-Zensur wie in China oder im Iran hätte die Vorfälle sicherlich auch nicht verhindern können.
Wir sehen hier aber die Erziehung, die Betreuer und auch Sie in der Pflicht [0]. Zu lehren, die Würde der anderen zu respektieren und keine Verbrechen zu begehen, ist ein Ziel von Erziehung und Ausbildung. Es gibt Grenzen in unserer Gesellschaft und der persönlichen Entfaltung und das sollte den Kindern und Jugendlichen vermittelt werden. Aber auch ein Gefühl der Sicherheit und die Entwicklung eines gesunden Selbstvertrauens. Man könnte ganz einfach sagen, dass im Laufe der Erziehung das Kind vernünftig werden sollte - ein mündiges Individuum eben.
Das Internet ist primär ein herausragendes Medium der Kommunikation, der Bildung und auch der Öffentlichkeit, der Presse- und Redefreiheit. Wer diese schlichte Tatsache ignoriert, macht sich heutzutage lächerlich. Im Besonderen, wenn man sich der Arbeiten des "Kriminologen" Pfeiffers bedient, dessen wissenschaftliche Arbeitsweise in der Kritik steht und dessen Ergebnisse vielfach widerlegt worden sind [1].
Die Ursache für solche erschreckenden Übergriffe liegen nicht an den Inhalten des Internets. Einige Dinge, die es dort zu finden gibt, können auch von uns nur als Folge mangelhafter Erziehung und Ausbildung, gelegentlich auch handfesten Wahnsinns, erklärt werden. Dass man diese Dinge von Kindern fernhalten muss, ist allgemein bekannt. Hier steht nicht zuletzt die Politik in der Pflicht, mit einer modernen und vernünftigen Familien- und Medienpolitik aufzuklären und zu gestalten. Diese hat uns das Rüstzeug in die Hand zu geben, eine gute Erziehung unserer Kinder zu ermöglichen. Genauso wie sie Kinder und Jugendliche selbst miteinzubeziehen hat, damit sie im 21. Jahrhundert ihren eigenen Weg finden und gehen können.
Natürlich gibt es auch einige Stimmen, die den Medienkonsum indirekt mit verantwortlich machen [2]. Allerdings hat jede Generation bisher ihr "Schuldmedium". Sei es verschiedene Musikrichtungen, Pen&Paper-Rollenspiele, Fernsehen und Videos bis heute zu Internet und Videospielen. Pauschale monokausale Zusammenhänge sind immer schlechte Ratgeber. Unsere Welt ist nun mal vielseitig und vorallem unterschiedlich. Stress, Leistungsdruck und ungenügend ausgereifte emotionale Reife entladen sich dann in gruppendynamischen Machtspielchen, die nicht selten mit Gewalt einher gehen. Dies ist aber auch kein Phänomen der Neuzeit, wie u.a. der realitätsbezogene Roman "Krieg der Knöpfe" aus dem Jahre 1912 zeigt. Neu hingegen ist die mediale Aufmerksamkeit und Reichweite.
Ihre Partei, die CSU, hat es - wohlgemerkt nicht als einzige Partei - jahrelang versäumt, sich mit dieser Entwicklung auseinanderzusetzen. Mittlerweile kann man hier schon von einer Spaltung der Gesellschaft reden, und wir denken, dass es an der Zeit ist aufzuwachen und umzudenken. Im direkten Kontrast dazu steht der geplante Schießstand einer bayrischen Gemeinde auf einem Schulgelände [3]. Trifft hier die CSU-Anfix-Theorie nicht zu? Sie wird mittlerweile ja von Schwarz-Gelb im Sommerloch schon auf Fast-Food und den Christopher-Street-Day ausgerollt.
Wir fordern, dass die Rollen des Staates und der Eltern in der Erziehung öffentlich und wissenschaftlich fundiert untersucht werden, und dass hier bei den Menschen - Schüler, Lehrer, Kindern, Eltern - angesetzt wird. Schnellschüsse, die ein Verbot dieser oder jener Praxis fordern oder eine "Politik der harten Hand", die man jetzt als ihre Lösungsvorschläge erwartet, mögen populär sein, eine nachhaltige Lösung für die Probleme, die von den Betroffenen wahrgenommen werden, sind sie auf keinen Fall.
Wir brauchen eine Politik, die Kompetenzen bei Eltern und Kindern schafft und nicht Ursache und Wirkung vertauscht. Eine Politik, die sich aktiv mit der Jugendkultur auseinandersetzt und dabei beachtet, dass Videospiele und Internet selbstverständlich sind für die heutige Jugend. Eine Politik, die auf alle Menschen eingeht, anstatt Besonderheiten und Vorlieben grundsätzlich abzulehnen.
Helfen Sie uns und vor allem der Gesellschaft dabei dieses Ziel zu erreichen!
Mit freundlichen Grüßen
Vorstand des Landesverbands Hessen der Piratenpartei Deutschland
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Kommentare
Weiter So !
Die Art wie der offene Brief geschrieben wurde und vorrallendingen das er geschrieben wurde, gefaellt mir ausserordentlich gut. Mehr auf dem Niveau bitte.